Früh auf der Baustelle, Termine im Griff, Projekte am Laufen – und trotzdem bleibt am Monatsende zu wenig übrig. Ursache ist selten die Ausführung, sondern fast immer das System dahinter: der Umgang mit Leistungsverzeichnissen (LV), fehlende Bieterfragen, unklare Kalkulationsannahmen und eine zu große Portion Schätzerei. Wer das ändert, dreht den Spieß um: Weg vom Reagieren, hin zum Angreifen – mit einer Kalkulation, die Marge schützt und Nachträge durchsetzbar macht..

Drei Fehler. Ein Drama. Deine Verantwortung.

  • Alles hinnehmen – statt zu hinterfragen

Ein LV mit 180 oder 250 Seiten, voll mit Vorbemerkungen, Sammelpositionen und schwammigen Langtexten, wird „durchbepreist“. Ohne Rückfragen. Ohne Abgrenzungen. Ohne Absicherung. Die Quittung kommt später:

Leistungen, die nicht eindeutig beschrieben sind, werden als „mit enthalten“ ausgelegt.

Zusatzaufwände ohne Nachweisbasis bleiben an Dir hängen.

Missverständnisse werden zu Deinem Kostenrisiko.

Prinzip: Wer schweigt, verliert. Wer fragt, schützt sich.

Konsequenz: Jedes Missverständnis klären, Lücken offenlegen, „Gemeinheiten“ im LV früh enttarnen – in der Angebotsphase, nicht auf der Baustelle.

  • Zu tief gehen – und unbezahlt planen

Wenn Maße, Details oder Schnittstellen fehlen, wird „nachgedacht und ergänzt“. Klingt serviceorientiert, ist betriebswirtschaftlich fatal: Du übernimmst Planungsleistungen von Architekt, TGA oder Statik – gratis und mit Haftungsrisiko.

Effekt: Aus Kulanz wird Verantwortung. Später heißt es: „Ihr habt doch so kalkuliert.“

Gegenmittel: Bei fehlender Planung Bieterfragen, Angebotsvorbehalte und Kalkulationsannahmen setzen – nicht „ins Blaue planen“.

  • Schätzen – statt belegen

Fehlende Mengen, unklare Randbedingungen? „Pi mal Daumen“ scheint schnell. Doch Schätzungen liefern keine rechtliche Sicherheit, keine Nachtragsgrundlage, keine Kontrolle.

Ergebnis: Die Kalkulation wird zum Glücksspiel, das fast immer zu Lasten der Marge ausgeht.

Lösung: Mengenprinzip und Annahmenprinzip konsequent: Nur kalkulieren, was messbar ist – alles andere dokumentiert zurückspiegeln.

Die Wahrheit tut weh – aber sie befreit

Nicht der Bau ruiniert Dich – Dein System tut es: tolerierte Unschärfen, fehlende Fragen, stille Planung, Schätzerei. Gute handwerkliche Arbeit ist nicht das Problem. Das Problem ist eine Angebotsphase ohne Methodik und Rückgrat.

Mindset-Wechsel: Weg vom „funktionieren“, hin zum professionellen Gegenangebot: prüfbar, abgegrenzt, mit belastbaren Annahmen.

So holst Du Dir die Kontrolle zurück

Ein System für LV-Prüfung

  • Sichtung (30–60 Min.): Roter Marker auf Risiko-Stellen (Vorbemerkungen, Sammelpositionen, „inkl. Nebenleistungen“, unklare Schnittstellen).
  • Clash-Check: Passt LV zu Plänen/Details/Terminlogik? Widersprüche aufführen.
  • Abgrenzungsliste: Enthalten / nicht enthalten – je LV-Gewerk.

Fester Bieterfragen-Prozess

  • Deadline festlegen (eigene interne Frist mind. 48 h vor offizieller Frist).
  • Fragen strukturieren: Ursache (Textstelle), gewünschte Klarstellung (Ja/Nein, Mengen, Detail), Konsequenz (Preis-/Ablaufwirkung).
  • Ergebnisdokument: Alle Antworten archivieren, in Angebot und Annahmen übernehmen.



Mut zum „Nein“ bei fehlender Planung

  • Angebotsvorbehalt: „Preis basiert auf …; abweichende Planung führt zu …“.
  • Optionen anbieten: Variante A/B mit klarer Preis-/Terminwirkung.
  • Kein Blindflug: Keine verbindlichen Preise ohne Mindest-Input (Mengen, Schnitte, Materialqualitäten).





Null Toleranz für Schätzerei

  • Mengenprinzip: Ohne Menge → kein Festpreis, sondern Einheitspreis + Annahme.
  • Annahmenprinzip: Dokumentierte Prämissen zu Logistik, Zugänglichkeit, Taktung, Vorleistungen.
  • Nachweisprinzip: Jede Annahme muss später prüf- und belegbar sein (Bautagesbericht, Regie, Fotos).
  • Kalkulationsprozess in Stunden statt Tagen
  • Bausteinpreise: Zeitansatz/Kolonne + Gerät + Material + Zuschläge (BGK/AGK, W&G).
  • Templates für typische Positionen (z. B. Decke abhängen, Leitungen ziehen, Abdichtung).
  • Ablauf-Check: Rüst- und Umsetzzeiten als eigene Zeiteinheiten führen (keine „Versteckten“).

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Taktik in der Angebotsphase: Vom Preis zur Prüffähigkeit

  • Angebotsanlage „Kalkulationsannahmen“

Kurz, klar, juristisch belastbar:

Logistik: Anlieferfenster, Hebezeug, Lagerflächen.

Ablauf: Einbau „in einem Zug“ oder abschnittsweise; Sperrzeiten; Trocknungszeiten.

Schnittstellen: Bauseits gestellte Vorleistungen/Medien; Freigaben.

Qualität: Norm-/Detailstand (Datum/Index).

  • Angebotsvorbehalte / Optionen

Bei Unklarheit Variante A/B mit Preis-/Terminwirkung statt „Durchschnittspreis“.

Killerphrase streichen: „inkl. aller Nebenleistungen“ ohne Definition → Nachfragen/Abgrenzen.

  • Preisgespräch professionell führen

Storyline: „Technische Funktion verstanden – betriebliche Konsequenz erklärt.“

Belege: Zeitansätze, Kolonnenmodell, Geräteeinsatz, Rüstlogik.

Ziel: Akzeptanz für Preislogik, nicht nur Preiszahl.

Operative Werkzeuge: sofort einführbar

Checkliste LV-Risiko (Auszug)

Vage Langtexte? → Bieterfragen.

Mengen „ca.“ / fehlend? → Einheitspreis + Annahme.

Schnittstellen offen? → Abgrenzen.

Takt/Abschnitt nicht definiert? → Variante mit Rüstzeiten.

Logistik unklar? → Anliefer/Hub/Wege als Annahme.

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Alles, was du wissen musst, findest du in unserem VOB-Magazin

Formulierungshilfen

Bieterfrage: „Bitte Klarstellung: LV 3.2.15 – sind Bewehrung, Schalung, Entsorgung Bestandteil der Position? Falls ja, in welchem Umfang (Mengen/Details)?“

Annahme: „Preis basiert auf Anlieferung ebenerdig, Hubgerät bauseits, Einbau in einem Zug; Entsorgung Verpackung nicht enthalten.“

Vorbehalt: „Abweichungen von den genannten Annahmen führen zu Mehr-/Minderkosten gemäß Nachtragskalkulation.“

Bautagesbericht als Nachtragsmotor

Täglich Ursache–Dauer–Kostenwirkung dokumentieren (Kolonne, Gerät, BE, Fotos). Ohne Belege keine Nachträge – mit Belegen Cashflow statt Bauchweh.

Kennzahl, die Deine Marge rettet

Quote „geklärte Positionen“ = (Anzahl LV-Positionen mit Antwort/Abgrenzung/Annahme) ÷ (Anzahl prüfrelevanter Positionen).

Ziel > 85 % vor Angebotsabgabe. Je höher die Quote, desto niedriger das Nachtragsrisiko – und desto höher die Treffgenauigkeit der Kalkulation.

Fazit

Wer in der Kalkulation kämpft, gewinnt auf der Baustelle. Klare Fragen, harte Abgrenzungen, dokumentierte Annahmen und tägliche Nachweise drehen die Marge nach oben. Weiter „nett sein“ – oder profitabel arbeiten: Deine Entscheidung.

FAQ

 

Wie viele Bieterfragen sind „zu viel“?

So viele, wie nötig sind, um Preis- und Leistungsrisiken zu klären. Bündeln, nummerieren, auf konkrete Textstellen beziehen. Entscheidend ist nicht die Menge der Fragen, sondern die Qualität: klare Ja/Nein-Punkte, messbare Angaben, belastbare Abgrenzungen.

Was tun, wenn der Auftraggeber keine klaren Antworten liefert?

Antwortlücken in die Angebotsanlage übernehmen: Annahmen dokumentieren, Varianten anbieten, Vorbehalte benennen. Preise auf prüfbarer Basis abgeben – nicht raten. Später dienen diese Annahmen als Beweis für Nachträge dem Grunde nach.

Wie verhindere ich „kostenloses Planen“ in der Kalkulation?

Sobald Planangaben fehlen: Bieterfrage stellen oder Planungsleistung als separate, vergütungspflichtige Option anbieten. Keine technischen Detaillösungen „ersatzweise“ kalkulieren. Kalkulation basiert auf übergebenen Informationen, nicht auf „selbst ausgedachten“ Lösungen.

Wie schnell muss eine belastbare Kalkulation sein?

In Stunden, nicht in Tagen: mit Bausteinpreisen, Standard-Zeitansätzen, fixen Zuschlagslogiken (BGK/AGK, W&G) und einem LV-Check-Template. Geschwindigkeit entsteht durch Standardisierung, nicht durch „schnelleres Schätzen“.